Emigration

Sowohl in Dimitri Schostakowitschs als auch Astor Piazollas Leben spielten Diktaturen eine besondere Rolle. Während sich Dimitri Schostakowitsch, der sein drittes Streichquartett zur Zeit des sowjetischen Kulturkampfes schrieb, in eine Art "innere Emigration" zurückzog und - 1948 erneut in Ungnade gefallen und mit einem Aufführungsverbot belegt - lieber für die Schublade komponierte, als sich mit dem Vorwurf des "Formalismus" auseinander zu setzen, lebte Astor Piazzolla 30 Jahre später während der rechten Militärdiktatur in Argentinien in der "äußeren Emigration" in Italien.

Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett No.3 in F-Dur, Op.73

dem Beethoven-Quartett gewidmet

  1. Allegretto
  2. Moderato con moto
  3. Allegro non troppo
  4. Adagio
  5. Moderato – Adagio

Das Streichquartett Nr.3 in F-Dur von Dmitri Schostakowitsch ist eines der längsten Streichquartette des Komponisten und erinnert sowohl in Form als auch Tonsprache an seine neunte Sinfonie. In beiden Werken verarbeitete er das Ende des zweiten Weltkriegs, allerdings ganz und gar nicht - wie von Stalin erwartet - triumphierend, den Sieg feiernd, sondern melancholisch und nachdenklich, das individuelle Leid der unzähligen Opfer betrauernd.

Der erste Satz erinnert noch an die heile Welt vor dem Krieg und beginnt leichtherzig, nahezu verschmitzt. Doch bald verdichten sich die Themen zu einer gedrängten Doppelfuge, die nach heftigem harmonischem Ringen zunächst zwar noch ihre Auflösung findet.

Doch die scheinbare Erleichterung am Ende des ersten Satzes wird am Beginn des zweiten Satzes abrupt ins Gegenteil verkehrt: Harmloser Humor verwandelt sich in schmerzliche Bitterkeit, ausgedrückt in einem sardonischen Walzer. Hier kommt Schostakowitschs Verbitterung der Kriegs- und Nachkriegsjahre jäh zum Ausdruck, verwandelt sich in den beiden folgenden Sätzen zunächst in Gewalt und Aggression, schließlich in Schmerz und Verzweiflung.

Der elegische vierten Satz hat die Form einer Passacaglia, die in ihrer nüchternen Schlichtheit an jene aus Schostakowitschs erstem Violinkonzert erinnert. Die sich zunächst langsam aufbauende Spannung steigert sich in ihr bis zur völligen Verzweiflung um schließlich erschöpft zusammen zu brechen.

Aus dieser totalen Erschöpfung erhebt sich das Finale - dunkel und fragend zunächst, dann mit langsam wachsender Zuversicht. Es folgt ein überwältigender Höhepunkt, in dem das ostinate Thema der Passacaglia als Kanon wieder erscheint, die klanglichen Möglichkeiten eines Streichquartetts noch einmal bis zum äußersten ausreizend. Schließlich bricht auch dieses letzte Aufbäumen gegen das Schicksal in sich zusammen und die Musik fällt in eine dumpfe und dennoch ergreifende Ruhe, um schließlich in nachdenklicher Ungewissheit zu enden.

Astor Piazzolla: Five Tango Sensations

dem Kronos-Quartett gewidmet

  1. Asleep
  2. Anxiety
  3. Fear

In den Tango Sensations für Bandoneon und Streichquartett charakterisiert Astor Piazzolla verschiedene Geisteszustände, deren Energie sich koninuierlich von einem ruhigen, träumerischen "Asleep" bis zur kraftvollen Fuge "Fear" steigert.

Piazolla griff in diesem Stück auf die "Sette Sequence" zurück, die er 1983 für das Graunke-Orchester komponiert hatte. 1987 arrangierte er es für sich und das Kronos-Quartett, dem er schon lange ein Quartettstück versprochen hatte. 1990 spielte er dieses Werk mit dem Kronos-Quartett kurz vor seinem Schlaganfall als seine letzte CD-Produktion ein.

In diesem Konzert werden aus diesem fünfteiligen Zyklus die drei Sätze "Asleep" (Schalf), "Anxiety" (Angst) und "Fear" (Furcht) in einer Bearbeitung für Akkordeon und Streichquartett gespielt.