Melancholie zwischen St. Petersburg und dem Rio de la Plata

Das zweite Klaviertrio von Dimitrij Schostakowitsch entstand als eine Art "kammermusikalisches Requiem" nach dem Tod seines engen Freundes Iwan Iwanowitsch Sollertinskij und drückt seine Trauer und seinen Schmerz in einer tief bewegenden Klangsprache aus.

„Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ charakterisiert der argentinische Komponist Enrique Santos Discépolo die melancholische Grundstimmung dieses argentinischen Musikstils.

So sehr sich das typische Kolorit der Musik Russlands und Argentiniens auch unterscheidet, eint die Antipoden die gleichsam melancholische wie auch energische Grundstimmung ihrer Musik. In diesem Programm treffen musikalische Ikonen zweier diametral entgegengesetzter Kulturkreise aufeinander, um ähnliche Empfindungen in ihrer jeweiligen ureigenen Musiksprache auszudrücken.

D. Schostakowitsch: Trio Nr. 2 in e-Moll, Op. 67 (1944)

dem Andenken von Iwan Iwanowitsch Sollertinskij

  1. Andante – Moderato
  2. Allegro non troppo
  3. Largo
  4. Allegretto – Adagio

„Das Unglück, das mich traf, als ich vom Tode Iwan Iwanowitschs erfuhr, kann ich nicht in Worte fassen. Er war mein nächster und teuerster Freund. Meine ganze Entwicklung verdanke ich ihm. Ohne ihn zu leben wird mir unerträglich schwerfallen..."

Diese Worte Schostakowitschs in einem Brief an Iwan Sollertinskijs Frau lassen erahnen, wie sehr ihn der überraschende Tod seines einundvierzigjährigen Freundes getroffen hat. Als er den Brief absendet, hat er bereits den ersten Satz des Klaviertrios beendet, mit dem er seiner Trauer und Verzweiflung auf seine sehr persönliche Art Ausdruck verleiht.

Der zweite Satz unterbricht die tragische Grundstimmung des Werkes jäh mit einem heftigen und bravourösen Ausbruch voll Energie und Ironie. „Dieser Satz ist ein verblüffend genaues Portrait Iwans, den Schostakowitsch so gut verstand wie sonst keiner. Das ist sein Übermut, seine Polemik, sein Tonfall, seine Art, immer wieder auf ein und denselben Gedanken zurückzukommen und ihn weiter zu entwickeln... Wenn ich diesen Satz des Trios höre, steht mein Bruder leibhaftig vor mir..." soll Sollertinskijs Schwester über ihn gesagt haben.

Im dritten Satz kehrt die tragische Stimmung zurück, jedoch ist die Verzweiflung des ersten Satzes einer nach innen gekehrten, tiefen Trauer gewichen. Im Schlusssatz verallgemeinert Schostakowitsch die persönliche Trauer um seinen Freund und bezieht mit dem Thema eines jüdischen Volksliedes wohl auch schon sein Entsetzen über die Ermordung der Juden durch Hitler und Stalin mit in das Werk ein, die zu dieser Zeit gerade bekannt werden.

„Ich glaube zu verstehen wodurch sich das jüdische Melos unterscheidet. Die lustige Melodie ist hier auf traurigen Intonationen aufgebart. Das Volk ist wie ein Mensch - warum singt es ein fröhliches Lied? Weil das Herz traurig ist.“ Dieser Ausspruch Schostakowitschs beschreibt wohl am besten die Mischung von sardonischer Heiterkeit und tiefer Traurigkeit, Ironie und Zerissenheit, die auch diesen letzten Satz prägt.

Astor Piazzolla: Vier Jahreszeiten (Las Cuatro Estaciones Porteñas)

  1. Primavera Porteña
  2. Verano Porteño
  3. Otoño Porteño
  4. Invierno Porteño

Astor Piazzolla schrieb "Verano Porteño" (Sommer in Buenos Aires) 1964 als Eröffnung des Balletts "Concierto del Angel". Erst Jahre später hat er diesen Satz zu einem ganzen Zyklus "Las Cuatro Estaciones Porteñas" (Die Vier Jahreszeiten) ergänzt. Dass er sich dabei schon von Anfang an auf den Zyklus von Vivaldi bezogen hat, zeigt das Zitat aus dessen "Winter" am Ende des "Verano" (den entsprechend verschobenen Jahreszeiten auf der südlichen Hemisphäre Rechnung tragend).

1969 hat er mit dem "Otoño Porteño" (Herbst in Buenos Aires) den zweiten Teil vollendet. In "Las Cuatro Estaciones Porteñas" vereint Piazzolla Stilelemente verschiedenster Herkunft: Die typischen Rhythmen und Harmonien des argentinischen Tangos gestaltet er mit den Kompositionstechniken der neuen europäischen Musik und verbindet sie mit Elementen des Jazz.