Kontraste

Sowohl Mozarts Klaviertrio KV 502 als auch das Trio von Schostakowitsch sind in ihrer Entstehung eng mit dem Tod verbunden: Mozarts dritter Sohn starb am Tag vor der Vollendung des Werkes, Schostakowitsch schrieb sein Klaviertrio als eine Art kammermusikalisches Requiem nach dem Tod seines engen Freundes Iwan Iwanowitsch Sollertinskij.

Doch beide Werke zeigen einen diametral entgegengesetzten Umgang mit den jeweiligen persönlichen Schicksalsschlägen: Während Schostakowitsch seiner tiefen Trauer im Werk Ausdruck verleiht, strotzt Mozarts Trio geradezu vor unbeschwerter Heiterkeit und Spielfreude, als würde er sich in die Musik als eine heitere Gegenwelt zur harten Realität seines Lebens flüchten wollen.

Wolfgang A. Mozart: Trio (Terzett) B-Dur KV 502

  1. Allegro
  2. Larghetto
  3. Allegretto

Das Terzett in B-Dur gehört wohl zu den sonnigsten und unbeschwertesten Werken Mozarts. Ein Charakter, der in einem krassen Gegensatz zu Mozarts persönlicher Situation zum Zeitpunkt der Komposition steht: Am Tag vor der Vollendung des Werkes starb sein drittes Kind im Alter von wenigen Wochen und seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten hingen bereits wie ein Damoklesschwert über seiner bürgerlichen Existenz. Vor diesem Hintergrund scheint es fast, als suchte er in der Musik eine heile, unbeschwerte Gegenwelt aufbauen.

Der erste Satz ist formal minimalistisch aufgebaut: Bis auf ein kurzes kontrastierendes Seitenthema in der Durchführung hat Mozart im gesamten Satz nur ein einziges Motiv verarbeitet, das er bereits in den ersten beiden Takten einführt. Doch so sehr der Satz auch thematisch reduziert ist, so reich ist er dafür an spielerischen Wendungen und dramaturgischen Höhen und Tiefen, die sich zu einem Feuerwerk musikalischer Spielfreude verdichten.

Der zweite Satz ist sehr melodiös und empfindsam angelegt, eine Mischung aus Rondo und Variationssatz, und setzt damit einen ruhigen Gegenpol zu den beiden quirligen Ecksätzen.

Der letzte Satz mit Zügen eines Sonatensatzes knüpft im Kopfmotiv an die Anfangsgeste des zweiten Satzes an, verwandelt es aber in einen virtuosen Ausbruch von Spiellaune. Diesem stellt Mozart als Seitenthema ein an das Motiv des ersten Satzes angelehntes, keckes Gegenstück zur Seite. So spannt er im Schlusssatz noch einen grandiosen Bogen über das gesamte Werk.

D. Schostakowitsch: Trio Nr. 2 in e-Moll, Op. 67 (1944)

dem Andenken von Iwan Iwanowitsch Sollertinskij

  1. Andante – Moderato
  2. Allegro non troppo
  3. Largo
  4. Allegretto – Adagio

„Das Unglück, das mich traf, als ich vom Tode Iwan Iwanowitschs erfuhr, kann ich nicht in Worte fassen. Er war mein nächster und teuerster Freund. Meine ganze Entwicklung verdanke ich ihm. Ohne ihn zu leben wird mir unerträglich schwer fallen..."

Diese Worte Schostakowitschs in einem Brief an Iwan Sollertinskijs Frau lassen erahnen, wie sehr ihn der überraschende Tod seines einundvierzigjährigen Freundes getroffen hat. Als er den Brief absendet, hat er bereits den ersten Satz des Klaviertrios beendet, mit dem er seiner Trauer und Verzweiflung auf seine sehr persönliche Art Ausdruck verleiht.

Der zweite Satz unterbricht die tragische Grundstimmung des Werkes jäh mit einem heftigen und bravourösen Ausbruch voll Energie und Ironie. „Dieser Satz ist ein verblüffend genaues Portrait Iwans, den Schostakowitsch so gut verstand wie sonst keiner. Das ist sein Übermut, seine Polemik, sein Tonfall, seine Art, immer wieder auf ein und denselben Gedanken zurückzukommen und ihn weiter zu entwickeln... Wenn ich diesen Satz des Trios höre, steht mein Bruder leibhaftig vor mir..." soll Sollertinskijs Schwester über ihn gesagt haben.

Im dritten Satz kehrt die tragische Stimmung zurück, jedoch ist die Verzweiflung des ersten Satzes einer nach innen gekehrten, tiefen Trauer gewichen. Im Schlusssatz verallgemeinert Schostakowitsch die persönliche Trauer um seinen Freund und bezieht mit dem Thema eines jüdischen Volksliedes wohl auch schon sein Entsetzen über die Ermordung der Juden durch Hitler und Stalin mit in das Werk ein, die zu dieser Zeit gerade bekannt werden.

„Ich glaube zu verstehen wodurch sich das jüdische Melos unterscheidet. Die lustige Melodie ist hier auf traurigen Intonationen aufgebahrt. Das Volk ist wie ein Mensch - warum singt es ein fröhliches Lied? Weil das Herz traurig ist.“ Dieser Ausspruch Schostakowitschs beschreibt wohl am besten die Mischung von sardonischer Heiterkeit und tiefer Traurigkeit, Ironie und Zerissenheit, die auch diesen letzten Satz prägt.

Astor Piazzolla: Oblivion

Der Tango entstand mitte des 19. Jahrhunderts in Argentinien in den verarmten Gebieten von Rio de la Plata und Buenos Aires und entwickelte sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu der populärsten argentinischen Tanzform. Mit seinem pessimistischen, aber gleichzeitig fatalistischen Charakter traf er zur Jahrhundertwende den Nerv des von sozialen Problemen und Perspektivlosigkeit geplagten Argentinien. Der Tango wurde jedoch so sehr zum Inbegriff des argentinischen Lebensgefühles, dass er in seiner Traditionalität erstarrte und jede Neuerung auf erbitterten Widerstand stieß. Schließlich verkam er zur Folklore der einfachen Gesellschaft und geriet in der Bildungselite in Verruf.

In diesem Zwiespalt hauchte Astor Piazzolla dem Tango völlig neues Leben ein, indem er moderne Elemente aus Klassik, Jazz und Pop mit den Grundelementen des Tango verknüpfte. Von den Traditionalisten wurde er deswegen anfangs zwar dermaßen angefeindet, dass er und seine Familie sich in Buenos Aires mitunter kaum auf die Straße wagen konnten. Doch er arbeitete unermüdlich an der Weiterentwicklung seiner Klangsprache, und schuf damit seinen ganz charakteristischen Stil, den Tango Nuevo. Heute gilt Astor Piazzolla als einer der bedeutendsten Musiker Südamerikas.

Pablo Nerudo schrieb über ihn: "Piazzollas Musik ist die der Fehler und Verwirrungen der Menschen, [...] eine Musik, die durch die Arbeit der Hände freigelegt wird, schweiß- und rauchgetränkt mit dem Geruch von Lilien und Urin, voll gespritzt mit der Fülle unseres Tuns, sei es legal oder illegal ... eine Musik, die so wenig rein ist wie alte Kleider, wie ein Körper, voller Speiseflecken und Scham, voller Falten, Beobachtungen und Träume, Wachheit, Vorahnungen, Liebesschwüren und Verwünschungen, voller Dummheiten, Schocks und Idyllen, politischer Überzeugungen, voller Verleugnungen, Zweifel und Bestärkungen [...] ".